FrauP.W. aus Weinheim schrieb am 26.07.2000 folgende Zeilen an Frau RenateSchnelle, welche den Agendaprozess in Weinheim koordiniert.
Sehrgeehrte Frau Schnelle,
es istnicht verwunderlich, daß lt. Presseberichterstattung, die Aktion nur zögerlichanlaufen würde, da u. a. bei der Bevölkerung auch entgegengesetzte Meinungengibt zum Thema "Tauschen" und zwar:
1.keine Sozialabgaben für handwerkliche Leistungen
2.keine Mehrwertsteuer für handwerkliche Leistungen
3.keine Einkommensteuer
4.vermind. Gewerbesteuereinnahmen für die Gemeinden
5.vermind. Arbeitsplätze im Mittelstand usw.
daswürde bedeuten, sollte die Aktion auf Dauer große Wirkung zeigen, würde dieAktion außer sozialer "Kontakte" u."Zwischenmenschlichkeit" eher global gesehen Nachteile für alle, auchfür die sozial Schwächeren, bringen, denn wer soll oder wovon sollen die Sozialzuschüssedenn herkommen?
VieleBürger meinen, daß das Projekt nicht durch die Lokale Agenda gefördert werdensollte.
Mitfreundlichen Grüßen
P.W.
Dieser Brief wurde an uns von Frau Schnelleweitergeleitet.
Unsere Antwort an Frau Schnelle vom Agendabürovom 09.08.2000
Bedenkengegen den Tauschring von Frau W. vom26.07.2000
Sehrgeehrte Frau Schnelle,
vielen Dank für die Übermittlung des Briefes von Frau W.. Zu den darin vorgebrachten Bedenken nehmen wir, die Projektgruppe Tauschring, folgendermaßen Stellung:
Sicher gibt es auch zum Thema "Tauschen" andere Meinungen als die von unserer Projektgruppe geäußerten. Dessen sind sich alle Mitglieder bewusst. Doch die Kritik von Frau W. lässt vermuten, dass diese sich nicht ausführlich mit unserer Idee und den von uns zusammengestellten Materialien auseinandergesetzt hat. Vielleicht liegt es daran, dass sie diese noch nicht zur Hand hat. Bitte senden Sie ihr entsprechendes Material zu, oder verweisen sie auf das Angebot im Internet. Falls das nicht möglich sein sollte, werden wir Frau W. etwas zukommen lassen. Zudem ist sie herzlich zu unserem nächsten Treffen eingeladen, wo sie mit uns direkt über ihre Bedenken sprechen kann. Weiter stehen ihr alle Mitglieder der Projektgruppe Tauschring telefonisch zur Verfügung.
Die Kritik von Frau W. berücksichtigt leider in keiner Weise den umfassenden Charakter der Tauschringidee. Dies ist hauptsächlich die Einbindung benachteiliger Bevölkerungsgruppen ( Behinderte, Ausländer, Erwerbslose, Sozialhilfeempfänger, usw. ) in die Gesellschaft. Durch das Tauschen im Tauschring wird also nicht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einzelner Menschen, sondern nur die Zeit die sie füreinander aufbringen in einer nichtkonvertierbaren Währung "verrechnet". Dass dies im Zeitalter einer ständig zunehmenden Kommerzialisierung aller Lebensbereiche auf Unverständnis oder gar auf Gegnerschaft stößt ist zwar traurig aber leider auch nur selbstverständlich. Doch sieht die Projektgruppe auch genau darin ihren Ansatz, dass sich die Menschen von der Vereinnahmung durch den "Markt" emanzipieren müssen. Zwischenmenschliche Kontakte ohne finanzielle Interessenmüssen unbedingt gefördert werden.
Besondere Beachtung sollte gerade von Frau W. unser Sozialfond finden. Dieser wird freiwillig mit Talenten der Tauschringmitglieder gefüllt, um Menschen zu helfen oder auch um für die Öffentlichkeit nützliche und notwendige Maßnahmen durchzuführen.
Zuden Bedenken, dass dem Staat Sozialabgaben, Arbeitsplätze und Steuern verloren gehen ist nur soviel zu sagen, dass der überwiegende Teil der im Tauschring getauschten Leistungen und Güter nicht "marktfähig" sind; diese also im normalen Marktgeschen nicht gehandelt werden würden. Von Seiten des Tauschrings besteht nicht das Interesse Handwerkern die Arbeit abzunehmen. Dies wird auch aus folgenden Gründen nicht passieren: Handwerker sind hochspezialisierte Fachkräfte. Die von ihnen durchgeführten Arbeiten können in der Regel nicht von Laien in der gleichen Qualität durchgeführt werden. Bei wichtigen Arbeiten wird deshalb weiterhin der Handwerker gerufen werden, weil nur er Qualität sicher mit Garantie liefern kann. Erfahrungen aus anderen Tauschringen zeigen, dass Handwerker die "schwarz" arbeiten wollen dies nicht über einen Tauschring machen, weil sie dafür in der Regel Bargeld sehen wollen, das es im Tauschring definitiv nicht geben wird. Zudem wollen wir darauf hinweisen, dass es sehr schwierig ist für viele Kleinigkeitenkurzfristig einen Handwerker zu finden.
Sozialabgabenund Steuern gehen also nicht verloren. Stattdessen wird die öffentliche Hand Ausgaben sparen, welche in Form von Sozialprogrammen notwendig würden, wenn die Gesellschaft weiter auseinanderfällt. Nachbarschaftliche Hilfe, welche der Tauschring in erweiterter Form ausbauen will, trägt nach allgemeinem Kenntnisstand wesentlich zum Sicherheitsgefühl und somit zur Zufriedenheit der Bevölkerung bei. Höhere Steuereinnahmen und Sozialabgaben allerdings nicht, obwohl diese unser Staat durchaus gebrauchen könnte. Sie werden paradoxerweise sogar eher als Bedrohung empfunden, was nach unserem Empfinden nicht ganz nachvollziehbar ist. Der Tauschring braucht also kein schlechtes Gewissen haben, wenn doch die eine oder andere Mark an hypothetischen öffentlichen Abgaben nicht eingeht, da unser Staat gerade großzügig zeigt, dass er auf Steuereinnahmen in Milliardenhöhe verzichten kann.
Wenn Frau W. und "Viele Bürger" meinen, dass der Tauschring nicht durch die lokale Agenda gefördert werden sollte, sollte sie auch sagen, welche Projekte denn einer Förderung würdig wären; die also auch ihren Kriterien standhalten.
Sozialabgaben, Arbeitsplätze und Steuern können nämlich bei allen Projekten die in der lokalen Agenda 21 in Weinheim momentan laufen verloren gehen. Als exemplarische Beispiele nennen wir nur mal die Gruppen Verkehr und Energie.
Verkehr:
Ziel ist es hier die Menschen in Weinheim mit möglichst wenig motorisiertem Individualverkehr zu belasten. Dies ist ganz sinnvoll und wird von uns unterstützt. Doch wenig motorisierter Individualverkehr bedeutet auch weniger gefahrene Kilometer, weniger Benzinverbrauch, weniger Lärm, weniger Schäden durch Abgase, weniger Unfälle, weniger Feuerwehreinsätze, weniger Unfallopfer. Dies alles wird das Bruttosozialprodukt nach unten drücken und sich in weniger Mineralölsteuer, Ökosteuer, usw. auswirken. Arbeitsplätze in Tankstellen, Mineralölfirmen, Krankenhäusern gehen verloren.
Energie:
Die Menschen sollen weniger Energie verbrauchen. Auch dies eine Forderung die wir grundsätzlich unterstützen, sofern es sich um fossile Energie handelt. Niedriger Energieverbrauch bedeutet aber auch weniger Einnahmen für den Staat usw.
Diese beiden Beispiele zeigen also: Alles hat mindestens zwei Seiten.
Bitte teilen Sie Frau W. unsere Antwort mit.
Mitfreundlichen Grüßen
MatthiasHördt (Sprecher der Projektgruppe Tauschring)